Inszenierungen

Ost-Arbeiter

Aus 2,5 Millionen Zwangsarbeitern wurden für dieses Stück zwei Schicksale ausgewählt. Der damals 14jährige Leonid Sitko, der seiner Mutter entrissen wurde, um in Deutschland zu arbeiten, wurde nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion als Kollaborateur zu 25 Jahren Gulag verurteilt. Nicht viel besser erging es der Ukrainerin Soja Kriwitsch. Das Theater gibt damit Menschen eine Stimme, die sich vergessen fühlen. Bei regelmäßigen Gastspielen in der Ukraine und in Russland kommt es zu erschütternden Begegnungen mit den Betroffenen, werden Kontakte geknüpft und Versöhnung gelebt.

Tänzerin hinter Stacheldraht

Es ist die wahre Geschichte der Tänzerin Alla Rakitjanskaja. Schon als Kind ist es ihr größter Wunsch zu tanzen – eine Ballerina zu sein. Doch der Zweite Weltkrieg stellt die Weichen für Allas Leben anders. Sie wird zur Zwangsarbeit nach Berlin-Weißensee deportiert, dort als Tänzerin für Propagandazwecke der Nationalsozialisten missbraucht.

Dafür wird Alla später in ihrer Heimat Russland wegen Vaterlandsverrats, Spionage und unerlaubtem Kontakt zu Ausländern zu 25 Jahren GULAG (Strafarbeitslager in Sibirien) verurteilt. Alla wird zu einer Tänzerin hinter Stacheldraht, friert sich bei minus 25° C die Fersen ab und tanzt im GULAG ihren letzten Tanz.

Ihr Publikum dort sind Intellektuelle, Schriftsteller und gewöhnliche Verbrecher – alle unter Stalins Regime zur unmenschlichen Zwangsarbeit verdammt. Doch genau in diesem Arbeitslager geschieht das, was kein Stacheldraht, kein Regime dieser Welt zu verhindern weiß: die Liebe! Als Alla, gemeinsam mit ihren Mithäftlingen, in den Wald zum Bäume fällen abgeordert wird, entdeckt sie eine kleine Blume, eine Margerite. Sie pflückt sie heimlich und steckt sie sich ins Haar. Ein anderer Häftling, ein Dichter, beobachtet sie dabei und verliebt sich in die Ballerina. Heimlich beginnt er, an Alla Gedichte zu schreiben. Und selbst unter der strengen Aufsicht der Kommandeure gelingt es ihm, ihr diese Gedichte als kleine Liebesbotschaften zuzuspielen.

Doch die beiden können nicht zueinander finden, sie wird diesen Menschen niemals wieder sehen. Bis heute weiß Alla nicht, was mit ihm geschehen ist. Was übrig geblieben ist, sind diese wenigen Zeilen, die er ihr geschrieben hat. Tänzerin hinter Stacheldraht“ ist eine Liebesgeschichte. Und es ist ein Stück über zwei Diktaturen, die, wenn Willkür es zulässt keinen Menschen verschonen. Es ist aber auch ein Stück über Diktatur und Kunst, vielmehr über Diktatur als Nährboden für den Missbrauch von Kunst, für die Vernichtung des Individuums und der Kunst. Allas Schicksal zeigt, dass unter grauenhaftesten Bedingungen der Mensch Mensch bleiben kann, lieben und künstlerisch wirken kann. Alla lebt heute über 80-jährig in Dnepropetrowsk in der Ukraine.

Seit der Premiere im Jahr 2003 wurde das Stück weltweit auf Festivals in der Ukraine, Monaco, Lettland, Armenien, Katalonien und Kanada mehrfach ausgezeichnet. In Berlin ging die Gruppe als Sieger aus dem denkMal! – Wettbewerb im Berliner Abgeordnetenhaus unter der Schirmherrschaft von Walter Momper hervor. das dokumentartheater berlin und Regisseurin und Carl-von-Ossietzky-Medaillen-Trägerin Marina Schubarth schafft seit seiner Gründung vor 7 Jahren diese einmalige Kombination aus dokumentarischer Theater-, humanitärer Begegnungs- und politischer Bildungsarbeit und wurde in seiner außergewöhnlichen Arbeit u.a. durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, den Fonds Darstellende Künste, den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildungsowie den Fonds Soziokultur gefördert. (Text: Katharina Goebel)

Und der Name des Sterns heißt Tschernobyl

Es ist die Geschichte einer Liebe. Es ist die Geschichte vom Kampf ums Überleben. „Und es ist die Geschichte einer Katastrophe, deren verheerende Folgen für die gesamte Menschheit wir noch immer nicht ermessen können und die heute vor dem Hintergrund der Katastrophe von Fukushima bittere Aktualität besitzt.“

(Autor: Swetlana Aleksijewitsch: Chronik einer Zukunft)

Vergessene Biografien

Seit fast 3 Jahren engagieren sich Jugendliche des „Jugendcafé Nightflight“ der Ev. Kirchengemeinde Charlottenburg in Zusammenarbeit mit das dokumentartheater berlin gegen das Vergessen: In dem dokumentarischen Theaterstück „Vergessene Biografien“ und einer mittlerweile über 40 Tafeln umfassenden Ausstellung, erzählen sie die selbst recherchierten Geschichten von MigrantInnen und Schwarzen Deutschen im Nationalsozialismus.

In Theatern, Schulen und Jugendclubs stellen sie die Lebensgeschichte eines türkischen Juden im Untergrund und eines afro-deutschen Mädchens bei der Zwangsarbeit dar, sie zitieren aus den Gerichtsakten eines Schwarzen Deutschen im Widerstand und schildern Augenzeugenberichte einer Schwarzen Frau im KZ.

In Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugend- und Kulturarbeit und dank der finanziellen Unterstützung durch zwei Fonds, sind seitdem eine Ausstellung und ein spannendes Theaterstück aus wahren Geschichten der Menschen entstanden, deren Schicksale fast vergessen wurden. Wie lebten sie? Woran glaubten sie? Was geschah mit ihnen als Hitler an die Macht gewählt wurde? Wurden sie verfolgt? Wer half ihnen? Wer denunzierte sie? Haben sie überlebt?